Barrieren schnell überwinden

Frau mit Rollator versucht über eine winzige Eingangsstufe zu kommen

30. August 2015

Süddeutschen Zeitung: Landkreis Ebersberg, 24.08.2015

Zorneding

Barrieren schnell überwinden

Von Karin Kampwerth

Manche Dinge sind ganz leicht. Zum Beispiel Gummistopper, die auf Treppengeländer gesteckt einem Menschen, der kaum oder gar nicht sehen kann, anzeigen, dass es nun nach oben oder unten geht. Manche Dinge erfordern auch nur ein wenig Mitdenken. Dazu gehört im Zornedinger Geschäftszentrum Birkenhof, ein Blumenbeet nicht ganz so eng an den Geldautomaten der Postbank zu pflanzen, damit ein Rollstuhlfahrer die Chance hat, mit seinem Gefährt zu rangieren. Und manchmal reicht schon eine Fahrt in den Baumarkt. Dort kann man für wenig Geld Kabelüberbrücker kaufen, die Rollstuhl- oder Rollatorfahrern das Überwinden kleinerer Schwellen an Geschäftseingängen wie der Adler-Apotheke erleichtern. Wobei Apotheker Heinz Hauck mit einer Fußmatte, die er über die Schwelle gelegt hat, seinen gehbehinderten Kunden ohnehin schon ganz pragmatisch hilft. Eine Beseitigung der Schwelle sei überdies längst beim Hauseigentümer beantragt.

Andere Erkenntnisse des Rundgangs des Zornedinger SPD-Ortsvereins mit Sibylle Brandt am Samstagnachmittag im Birkenhof wird den Gemeinderat in seinen nächsten Sitzungen sicher konstruktiv beschäftigen. Brandt ist Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft "Selbst Aktiv in Bayern", seit 20 Jahren erblindet und willkommene Beraterin, wenn es um die Barrierefreiheit in Gemeinden geht.

Bis zu 20 Zornedinger begleiten die Würzburgerin zeitweise, als sie mit ihrer Labrador-Blindenhündin Sony den Birkenhof erkundet. Zornedings Zweite Bürgermeisterin und stellvertretende SPD-Ortsvereinsvorsitzende Bianka Poschenrieder hat Brillen dabei, mit denen man ausprobieren konnte, wie sich verschiedene Augenkrankheiten auf die Sehfähigkeit auswirken. Alfred Schellmann übt sich mit einem Rollstuhl im kraftraubenden Befahren der Rampen des auf unterschiedlichen Ebenen gebauten Einkaufszentrum.

Und Franz Ziepl vom VdK, dessen Ehefrau Anna seit 13 Jahren nach einem Schlaganfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, berichtet aus eigener Erfahrung über Barrieren im Birkenhof. Nicht einmal einen Behindertenparkplatz gebe es auf den verschiedenen Stellflächen rund um das Einkaufszentrum, beklagt er. Dass es längst nicht nur steile Rampen und hohe Schwellen sind, die einem behinderten Menschen die Selbstständigkeit unnötig erschweren, zeigt sich auch bei Geschäftsbesuchen.

Etwa im Supermarkt im Birkenhof, dessen Regale häufig zu eng gestellt sind. "Hier ist Ende", stellt Franz Ziepl fest, als er den Rollstuhl seiner Frau zum Nudelregal fährt. Weiter vorwärts und dann nach rechts zum Reis geht es nicht: Eine Kühltruhe versperrt den Weg. Alfred Schellmann muss sich währenddessen um seine Finger sorgen, als er sich mit dem Rollstuhl zwischen Bierkästen und einem Salzstangen-Aufsteller in den Getränkegang quetscht. Blindenhündin Sony lotst Sibylle Brandt unterdessen zielsicher zur Wursttheke. "Die findet sie immer zuerst", sagt Brandt und lacht. Wenn Sony ihren Leckerbissen bekommen habe, könne sich Brandt dem Einkauf widmen.

Ein Blindenhund darf überall mit hin - auch in den Supermarkt

Dennoch stockt manchem Kunden im Tengelmann kurz der Atem angesichts des Hundes im Supermarkt. Mit dem Geschirr, das Sony als Blindenführhund ausweist, hat sie allerdings überall Zugang. "Sie gilt als medizinisches Hilfsmittel wie ein Rollstuhl", erklärt Sibylle Brandt und lobt die Hündin, die sie unfallfrei durch die Regale leitet. Mit der Ausbildung, mehr als 60 Befehle befolgt das Tier aufs Wort, sei so ein Blindenhund 25 000 Euro wert.

Doch Geld war an diesem Samstagnachmittag nicht das vorherrschende Thema. Denn wie auch Ursula Kühlbrandt vom Verein "Alter erleben in Zorneding" bemerkte, "ist es toll, einmal so viele praktische Beispiele zu hören." Sonst gehe es schließlich immer nur um die Theorie und die Kosten. Diese, so ist Sibylle Brandt überzeugt, ließen sich auch bei zwei anderen Zornedinger Dauerthemen, die besonders behinderte und auch alte Menschen betreffen, in den Griff bekommen. So berichtete sie von einem auf den Rollstuhl angewiesenen Unternehmer, der einen mobilen Container mit einem Behinderten-WC entwickelt habe. 15 000 Euro koste so eine Anlage, sie brauche keine Baugenehmigung und ließe sich problemlos am Bahnhof aufstellen.

Genauso einfach sei die Montage eines Rollstuhl-Lifters an der zu steilen Rampe zum Bahnsteig, "denn was nach oben geht, muss auch vertikal möglich sein", so Brandt. Die Kosten dafür seien mit dem millionenteuren Einbau eines Aufzuges nicht vergleichbar. Vor allem: Mit solchen Lösungen könne man schnell Barrieren überwinden. "Das ist zeitnah, finanzierbar und hilft", sagt Brandt. Selbst Vandalismus könne verhindert werden, da Toilette und Lifter nur mit einem Ausweis über ein Lesegerät benutzt werden könnten. Das müsse nicht einmal ein offizieller Behindertenausweis sein, den Bedarf könnte man einfach im Rathaus beantragen, schlägt Bianka Poschenrieder vor.

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